Die Wiederentdeckung der Granteloper

Das Konzept der „Granteloper“ stammt aus dem französischen Absolutismus des Sonnenkönigs Ludwig XIV., behauptet FUX in seiner ersten Arbeit am HAU. Bis heute sei sie nie realisiert worden, aber die Aufführungen des „Théâtre de la Foire“ auf den Marktplätzen seien davon inspiriert worden und auch Christoph Willibald Gluck habe eim 18. Jahrhundert eine Volksoper in diesem Stil komponieren wollen, wird uns erzählt. Am Ende ihres Streifzugs durch die Ideenwelt der „Granteloper“ bezeichnen sie die „Dreigroschenoper“ von Brecht/Weill als „späte Schrumpfform“ dieser Kunstgattung.

Was hat man sich nun konkret unter einer „Granteloper“ vorzustellen, die an diesem Abend im HAU nicht nur wiederbelebt, sondern angeblich erstmals aufgeführt werden soll? Der schmale Programmzettel ergeht sich außer dieser Parodie eines kunst- und musiktheatergeschichtlich Exkurses in kurzen Andeutungen, dass das „Meckern, Klagen und Protestieren“ im Mittelpunkt stehen soll.

In den 100 Minuten wird dann leider kaum gegrantelt. Waldorf und Statler, die beiden Opas auf dem Balkon der Muppet-Show, haben diese Kunst des schlecht gelaunten und bissige Seitenhiebe austeilenden Herumschimpfens recht gut drauf. Noch besser beherrschen es manche bayerische und österreichische „Originale“, die in ihrem jeweiligen Heimatdialekt über Gott und die Welt mosern und stänkern. Nichts davon ist in dieser Performance des Gießener Theaterkollektivs „FUX“ (Nele Stuhler und Falk Rößler) zu spüren.

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Die kabarettistischen Texte beschränken sich darauf, dass ein Trio (Léonard Bertholet, Tino Kühn, Hannah Müller) Mecker-Mails vorträgt: der eine lässt seinen Frust über die Politik ab, die andere beschwert sich bei einer großen Supermarkt-Kette über die Verpackung des Bio-Obsts. Diesen Beschwerden fehlen die Zupitzung und Originalität. Jeder Wiener Profi-Grantler dürfte diese mittelhessischen Grantel-Versuche mit einem „Ah, geh bitte“ abtun. Kein Wunder, dass diese Laber-Frust-Mails mit genauso nichtssagenden, vorgestanzten Textbausteinen abgewimmelt werden und die Entscheidungsträger sie gar nicht zu Gesicht bekommen. Die Performance landet also mehr beim Scheitern der Kommunikation zwischen Verbraucher/Wähler und Beschwerdemanagement/Bürgerservice als beim wesentlich spannenderen Thema des echten Grantelns.

Garniert werden diese Texte – wie bei FUX üblich – mit einer eigenwilligen Mischung aus Live-Musik, selbstironischer Performance der Gießener Schule, etwas Sprechtheater und schön choreographierten Ohrwürmern. Das hätte durchaus Potenzial, funktioniert an diesem Abend aber nicht gut, weil der klare Fokus auf das Granteln verschenkt ist.

Bilder: Dorothea Tuch

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