Glaube Liebe Hoffnung

„Ein kleiner Totentanz in fünf Bildern“ lautet der Untertitel von Ödon von Horváths Sozialdrama „Glaube Liebe Hoffnung“, das er 1932 kurz vor dem Untergang der Weimarer Republik gemeinsam mit dem Gerichtsreporter Lukas Kristl verfasst hat.

Regisseur Hakan Savas Mican nimmt diesen „Totentanz“ sehr ernst: auf Sylvia Riegers Bühne, die bis auf steil aufragende, scharfkantige Quader fast komplett leer ist, inszeniert er ein Kammerspiel über Ängstliche und Verzweifelte. Zu dem stimmigen Gesamteindruck trägt die melancholische Musik-Untermalung durch Daniel Kahn bei, dessen selbstkomponierte Lieder und auf der Gitarre vorgetragenen traditionellen Gospels die melancholische Grundstimmung des nur 90 Minuten kurzen Abends verstärken. Auch das türkische Solo „Kaderimin Oyunu“ von Sesezede Terziyan wirkt hier nicht als Fremdkörper, sondern ist eine interessante Variation dieses Klagegesangs.

Als Hauptfigur Elisabeth stöckelt Terziyan auf roten Absätzen zwischen den schroffen Stelen und redet sich immer wieder Mut zu: Ich behalte den Kopf oben. Während ihrer albtraumhaften Reise durch die deutsche Bürokratie, die ihr mit einem „Wandergewerbeschein“ das Leben schwer macht, trifft sie prototypische Charaktere der Endphase der Weimarer Demokratie: Irene Prantl aus der gehobenen Gesellschaft, die trotz der allgemeinen Verelendung und Massenarbeitslosigkeit weiter auf dem Vulkan tanzt (schön hochnäsig gespielt von Orit Nahmias) oder den Präparator Hans, der sich nach der Devise „Nach unten treten, nach oben buckeln“ zum Oberpräpator hochdient (Mehmet Atesci).

Zwischen den Musik-Nummern und diesen gelungenen Miniaturen ist der Abend aber für Gorki-Theater-Verhältnisse ungewohnt stockend und spröde. Zu oft steht Sesesede Terziyan allein zwischen den abweisenden Klötzen, zu kurz sind die Auftritte der meisten Nebenfiguren. Einige Ensemblemitglieder stemmen gleich drei bis vier kleine Rollen, so dass die einzelnen Figuren zu blass bleiben.

Während das Bunte und Lebensfrohe, das am Gorki auch bei düsteren Themen immer durchscheint, diesmal fast völlig fehlt, ist das Publikum einer selbst für Gorki-Verhätnisse besonders heftigen und quer durch den kleinen Zuschauerraum ziehenden Portion von Nikotin- und Qualmschwaden ausgesetzt, die keinerlei Bezug zum Rest des Abends haben.

Bild: Esra Rotthoff

 

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