Der andere Liebhaber

Rätselhafte, mit Symbolen und Mythen aufgeladene Filme hatten im vergangenen Jahr in Cannes Konjunktur: Neben „Killing of a Sacred Deer“ von Yorgos Lanthimos fällt vor allem „L´amant double“ von Francois Ozon, der als „Der andere Liebhaber“ endlich in die deutschen Kinos kommt, in diese Kategorie.

Worauf der französische Meisterregisseur diesmal abzielt, macht er gleich in der Eröffnungssequenz deutlich: Eine gynakolögische Untersuchung mit Spekulum wird ausführlich gezeigt und mit einem Blick ins menschliche Auge überblendet. Im Lauf der nächsten 107 Minuten wird es noch manche Einstellungen geben, die irritieren und die Sehgewohnheiten des Mainstream-Kinos provozieren. Dazu gehört z.B., dass Chloé (Marine Vacth) ihren Partner Paul (Jérémie Renier) mit dem Strap-on penetriert.

Ozon ging es vor allem darum, ein kunstvolles Geflecht aus Lüge und Täuschungen zu weben. Der gesamte Film variiert vor allem folgende Themen: die Faszination von Zwillingen und die Grenzen eines Doppellebens. „Der andere Liebhaber“ ist kein leicht konsumierbarer Unterhaltungsfilm, sondern fordert sein Publikum heraus, da er vieles im Ungefähren lässt, zwischen Wahn und Wirklichkeit changiert, Erzählstränge, die eben noch klar schienen, im Diffusen verebben lässt.

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Ozon kann auf einen großartigen Hauptdarsteller bauen: Mit dem Belgier Jérémie Renier arbeitete er auch schon in „Ein kriminelles Paar“ (1999), der auf internationalen Festivals wie Venedig und Toronto lief, es aber nie in die deutschen Kinos schaffte. Renier brilliert in einer Doppelrolle der Zwillingsbrüder Paul Meyer und Louis Debord, die beide als Psychtherapeuten: der eine ist Chloés sensibler, umsichtiger Lebensgefährte. Der andere ist ihr heimlicher Liebhaber, der lustvoll Tabus psychotherapeutischer Behandlung bricht, sie mit rotzigen Sprüchen aus der Reserve lockt und ihre Phantasien aus ihr herauskitzelt.

Der Psychothriller ist nie langweilig, aber deutlich überfrachtet. Ozon gelingt es weniger virtuos, mit den vielen Motiven und Symbolen zu jonglieren, als es Lanthimos schaffte. Die Jury entschied sich deshalb zurecht dafür, „The Killing of a Sacred Deer“ von Lanthimos mit der Silbernen Palme für das Beste Drehbuch in Cannes 2017 auszuzeichnen, während Ozon leer ausging. Die Auflösung all der rätselhaften Verstrickungen ist etwas zu banal geraten und hat viele Kritiker enttäuscht.

Sehenswert ist „Der andere Liebhaber“ dennoch, er basiert auf dem weniger bekannten Roman „Lives of the Twins“, den die bekannte US-amerikanische Erzählerin Joyce Carol Oates im Jahr 1987 unter ihrem Pseudonym Rosamond Smith veröffentlichte. Filmhistorisch bewanderte Kritiker hoben die auffälligen Bezüge zu den Werken von David Cronenberg und Brian de Palma hervor.

Kinostart: 18. Januar 2018

Bilder: © 2017 – MANDARIN PRODUCTION – FOZ – MARS FILMS – FILMS DISTRIBUTION – FRANCE 2 CINÉMA – SCOPE PICTURES / JEAN-CLAUDE MOIREAU

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