Das große Heft

Als der E-Bass zum ersten Mal aufjault, ist das Dresdner Abo-Publikum sichtlich irritiert. Zur Pause blieben dementsprechend recht viele Plätze leer. Das Staatsschauspiel Dresden legte an den Eingängen Ohrenstöpsel bereit und wies auf die „beträchtliche Lautstärke“ hin: Dass Ulrich Rasche bei seiner Inszenierung von „Das große Heft“ über fast die kompletten vier Stunden eine solche Klangkulisse aus Drums, E-Bass, Cello und Violine aufbauen würde, war auch für Kenner seiner preisgekrönten „Räuber“ überraschend.

Die Einwände, die gegen diese Premiere in den kommenden Tagen kommen werden, liegen auf der Hand. Ulrich Rasche verwendet die bekannten Theatermittel, für die er bei den Münchner „Räubern“ gefeiert wurde und die ihm mit dem Basler „Woyzeck“ gleich eine zweite Einladung zum Theatertreffen einbrachte. In „Das große Heft“ erleben wir wieder abschüssige Drehbühnen, auf denen die Spieler die Balance halten müssen. Stampfende, halbnackte Männer ziehen ihre Kreise, schreien und brüllen im Chor: perfekt einstudiert von Alexander Weise/Toni Jessen und so präzise artikuliert, dass jedes Wort zu verstehen ist. Die beiden Drehbühnen sind technisch bei weitem nicht so aufwändig wie die gigantischen Dampfwalzen, an denen die „Räuber“ festgekettet sind und an denen die Techniker des Residenztheaters ein Jahr lang feilten. Aber die Akribie, mit der die beiden Bühnen während des Stücks immer wieder neu arrangiert werden, nötigt Respekt ab. Für die Spieler sind die Balanceakte auf den kippenden Scheiben eine Herausforderung. Bei keinem sehen die Bewegungen so elegant und selbstverständlich aus wie bei László Branko Breiding, der schon bei den „Räubern“ dabei war.

Das große Heft

Kann man „Das große Heft“ also als Aufguss einer bewährten, exzellent geölten Theatermaschinerie abtun? Nein, der Abend hat zwar einige Längen, aber in den stärksten Momenten eine beeindruckende Kraft. Ulrich Rasches Regiestil mit den erbarmungslos vor sich hin ratternden Maschinen und den verzweifelt kämpfenden, schwitzenden Menschen, die sich dagegen so klein ausnehmen, passt hervorragend zu den düsteren, knappen Sätzen aus Ágota Kristófs dystopischem Roman über Zwillinge im Krieg.

Das große Heft

Zunächst werden die Zwillinge von Moritz Kienemann und Johannes Nussbaum verkörpert: die Mutter schiebt sie zur Großmutter ab, die in ihrem Dorf als „Hexe“ gilt und ihre Enkel als „Hundesöhne“ beschimpft und schuften lässt. Nach und nach kommt das ganze Ensemble paarweise auf die Bühne und spricht den Text in wechselnden Konstellationen.

Am beklemmendsten sind die Passagen, in denen die Jungen sich immer tiefer in ihre Versuche hineinsteigern, sich abzuhärten, sowie die Szenen, in denen sie Opfer des Missbrauchs werden. Hier ergänzen sich Rasches bekannte Stilmittel und Kristófs Sprache exzellent.

Bilder: Sebastian Hoppe

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