Der Hauptmann

In düsteren Schwarz-Weiß-Bildern, die den Tagesspiegel-Kritiker an die karge apokalyptische Winterlandschaft in der Ukraine und Weißrussland aus „Bloodlands“ des amerikanischen Historiker Timothy Snyder erinnert, erzählt der schwäbische Hollywood-Heimkehrer Robert Schwentke von einem Kriegsverbrechen in den letzten Wochen der Nazi-Herrschaft.

„Der Hauptmann“ basiert auf der wahren Geschichte von Willi Herold, der von deutschen Miliärrichtern (gespielt von Henrik Arnst und Alexander Fehling) zunächst laufengelassen und dann von den Alliierten zum Tod verurteilt und 1946 gehenkt wurde. Der Titel des Films spielt natürlich bewusst an den berühmten Hauptmann von Köpenick an, den Carl Zuckmayer literarisch verewigte und Heinz Rühmann augenzwinkernd verkörperte. Wie Schuster Wilhelm Voigt schlüpfte auch der damals 19jährige Willi Herold in eine Uniform, so dass seine Gegenüber in schlechter alter preußischer Autoritätshörigkeit sofort die Hacken zusammenschlugen.

Zum gemütlichen 50er Jahre-Humor des Rühmann-Films geht Schwentke aber auf maximale Distanz: Mit dem Handwerkszeug des Action-Kinos, das er in „Flightplan“ und „R.E.D.“ gelernt hat, zeigt er ungeschönt, wie Herold unter Verweis auf einen angeblichen Befehl des Führers Befehlsketten außer Kraft setzte und ein Massaker an Deserteuren und Gefangenen in einem Lager im Emsland verübte.

Das Ergebnis ist sehr zwiespältig: Zwei Stunden lang ist das Publikum der verbrecherischen Gewalt ausgesetzt, die bis auf ein „wiederkehrendes, dissonantes Gebrumm“ (Matthias Dell im „Freitag“) sehr still und mit fast mechanischer Unerbittlichkeit abgespult wird. Eine Entdeckung des Films ist sicher Max Hubacher in der Hauptrolle des Willi Herold. Der erst 23 Jahre junge Schweizer wurde schon seit seinem Debüt als „Verdingbub“ (2011) als große Hoffnung gehandelt und hat einen großen Verwandlungsmoment, als er zum ersten Mal die Uniform anzieht und mehrere Tonlagen für die neue gesellschaftliche Rolle ausprobiert.

Enttäuschend ist, dass der eindrucksvolle Cast in den Nebenrollen zu wenig zur Geltung kommt. Milan Peschel und Frederick Lau müssen blasse Mitläufer-Figuren spielen. Wolfram Koch und Samuel Finzi werden erst spät in die Handlung eingeführt und spielen das Komiker-Duo, das sie schon so oft bei Dimiter Gottscheff oder seinem Schüler Ivan Panteleev auf der Bühne des Deutschen Theaters Berlin verkörperten. Am ehesten kann noch Alexander Fehling neue und eigene Akzente setzen, der wohl noch nie so böse und schnarrend zu erleben war wie hier als Hauptmann Junker, wie „Der Freitag“ notierte.

Besonders fragwürdig ist das Ende: In einer Zeitschleife landen die Männer der „Kampfgruppe Herold“ plötzlich im Görlitz der Gegenwart, kontrollieren Ausweise von Passantinnen und Passanten und konfiszieren Wertsachen. Kaspar Heinrich schrieb zurecht auf ZEIT Online: „Egal ob das satirisch gemeint oder ein Hinweis darauf sein soll, dass die Macht der Uniform und der Respekt vor Obrigkeiten noch immer gelten: In jedem Fall verhebt sich Schwentke mit diesem Kniff gewaltig. Sein Er-ist-wieder-da-Moment verharmlost Herolds Schreckensregiment und entlässt den Zuschauer mit einem Gefühl von Fremdscham aus dem Film.“

Bild: © Julia M. Müller / Weltkino Filmverleih

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