Machine Müller

Mit einem beeindruckenden Gesamtkunstwerk aus Sprechtheater, Tanz und Oper schloss das Moskauer Gogol Center sein einwöchiges Gastspiel am Deutschen Theater Berlin ab.

Die 2016 erschienene „Machine Müller“ von Regisseur Kirill Serebrennikow und Choreograph Evgeny Kulagin setzt Maßstäbe, wie poetisch und klug sich Heiner Müllers schroffe Texte für die Bühne adaptieren lassen.

Im Zentrum seiner Collage steht das „Quartett“: Sati Spivakova und Konstantin Bogomolov, zwei namhafte Größen der Moskauer Theaterszene, liefern sich das sarkastische Duell zweier Zyniker, bei denen die Liebe zum Machtkampf wird. Mit eisigem Lächeln setzen sie ihre Spitzen und verschieben den Chor aus zwanzig hervorragenden Tänzerinnen und Tänzern nach Belieben wie Schachfiguren.

Ein herausragendes Erlebnis ist auch die kristallklare Schärfe, mit der Alexander Gorchilin Fragmente aus der „Hamletmaschine“ spricht. Als düsterer Todesengel flaniert er durch das Tanz-Ensemble und schnürt ihnen den Raum ab. Er bringt die ganze Wucht des Texts zur Geltung und geht wie mit Müllers Fleischermesser durch die Berliner Theaterszene, wo die „Hamletmaschine“ derzeit nur als recht fade Clownsnummer des Gorki-Exil Ensembles zu sehen ist. Gorchilin arbeitete bereits seit dem Studium mit Kirill Serebrennikow zusammen und war in der Rolle des Grigoriy auch einer der zentralen Protagonisten im sehenswerten Film „Der die Zeichen liest/The Student“.

Aleksander Gorchilin(1)

Mehr als nur ein Zwischenspiel sind die Aufritte des Countertenors Arthur Vassiljev, der mit Arien von Purcell divenhaft zwischen den Szenen schwebt. Der noch stärkere Affront für die Moralwächter in Putins Apparat und der russisch-orthodoxen Kirche ist sicher die Freizügigkeit, mit der Evgeny Kulagins Tänzerinnen und Tänzer die Schönheit feiern. Ihre „Körperskulpturen“, wie sie Sonja Zekri (Süddeutsche Zeitung) als Moderatorin einer Gesprächsrunde über „Phantasie und Zensur“ nannte, sind wie in Stein gemeißelt und von einer umwerfenden Präzision und Energie, wie sie selten zu erleben sind.

Die „Machine Müller“ ist ein sehr poetischer, kraftvoller Abend, der an keiner Stelle explizit politisch agiert, aber im Subtext sehr viel über Putins Russland erzählt. Das subversive Spiel mit den konservativen Normen von Sexualität und Geschlechterrollen ist ebenso provozierend für die Staatsmacht wie ein zweiter Strang dieses Abends: Gewalt war für Heiner Müller stets ein zentrales Thema in seinem Werk. Videokünstler Ilya Shagalov und Lichtdesigner Igor Kapustin projizieren an den passenden Stellen leuchtende Flammen und Kriegsruinen an die Rückwände. Eindringlich sind auch die Szenen eskalierender Obrigkeitsgewalt, bei der Teile des Tanzensembles mit Helmen und Schlagstöcken auf die anderen losgehen, oder die Passagen zur Sklaverei, bei der sie sich gegenseitig zu Boden drücken.

Spannend an Kirill Serebrennikows Arbeiten, die nicht nur das Theater, sondern auch die Opernhäuser und Kinos bereichern, ist vor allem, dass er auf keine klare Handschrift festgelegt ist, sondern immer wieder neu überrascht. Dies ist aus meiner Sicht und bisherigen Kenntnis seines Werks ein entscheidender Unterschied zu den Inszenierungen von Regie-Größen der deutschen Theaterszene wie Frank Castorf, Ulrich Rasche oder Michael Thalheimer, die alle auf ihre Art immer wieder hervorragende Abende gestalten, dabei aber doch viel häufiger mit wiederkehrenden stilistischen Mitteln und Motiven arbeiten, so dass ein Gewöhnungseffekt eintritt.

Bilder: Ira Polyarnaya

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